Es gibt so Momente, da ist einem alles klar. Zum Beispiel wenn die USA eine Woche nach der NSA-Prism-Aufdeckung eine Terrorwahrnehmung rausgibt oder wenn Bushido einen Integrationsbambi bekommt. Dann bedauert man, dass man Spengler’s “Untergang des Abendlandes” doch nicht zu Ende gelesen hat.

Als Bushido dann mit Shindy “Stress ohne Grund” rausgebracht hat und kurz danach die Meldung kam, dass er bald ein Buch veroeffentlicht, dann ist mein innerer Snowden auf meinem inneren Moskauer Flughafen erstmal richtig kacken gegangen. Nur eine Sache passte nicht ganz – Marcus Staiger sollte der co-Autor sein. Staiger fuehrt einen interessanten Blog und hat sich in der Vergangenheit an Themen rangetraut, die viele sonst meiden, wie zb. Antisemitismus im HipHop. Wie ging das zusammen? Wenn mir eine Sache auf den Sack geht, dann sind das Leute, die meinen, man muesste nur foerdern und nie fordern, also alles immer tolerieren um alle immer genau da abzuholen, wo sie gerade sind, ohne dasselbe auch vom Gegenueber zu erwarten. Dieses Motiv vermutete ich auch hinter dieser Kooperation. Also fragte ich bei Staiger nach, ob er er wirklich nicht die Problematik in Sachen Bushido und Integration erkenne. Nach einer kurzen FB-Diskussion zeigte sich dieser aeusserst optimistisch, dass sich meine Meinung NACH der Lektuere aendern koennte.
Das Buch wurde nun am 11.September (wow, understatement) veroeffentlicht und wie erwartet incl. einem ganzen Kapitelchen ueber Israel und Juden. Allerdings war es in der Tat kein reines hater-Kapitel, sondern teilweise uebberaschend vielschichtig. Deshalb erfolgt nun meine Analyse ebenfalls zuerst mit den positiven und erst danach mit den weniger erfreulichen Aspekten. 
PRO:
- Bushido unterstuetzt offenbar eine Zwei-Staaten-Loesung des Nahost-Konflikts
- er spricht sich gegen die paranoiden Aengste vor einer juedischen Weltverschwoerung aus (“Welcher Jude hat sich eigentlich ausgedacht, dass China die kommende Weltmacht wird?”)
- ernsthafte Reflexionen (“Was soll Israel machen, wenn es beschossen wird?”)
- er sieht in der anti-israelischen Propaganda in den arabischen Laendern eine Ablenkung von den eigenen Problemen
- er lehnt Deutsche ab, die sich mit Antisemitismus bei ihm anbiedern wollen
- er erkennt den Wert der aufgeklaerten Vergangenheitspolitik fuer ein weltoffeneres Deutschland an
- am Leid der Palaestinenser sind nicht nur die Israelis schuld, ein Rueckherrecht fuer alle Fluechtlinge kann es nicht geben
CONTRA:
- er raeumt zwar ein, dass es nicht ganz korrekt war ein Bild von einem Palaestina ohne Israel zu twittern (da er ja die 2-Staaten-Loesung unterstuetzt), aber gleichzeitig betont er, dass er es aufgrund der uebertriebenen Medienaufmerksamkeit “aus Trotz” beibehalten hat. Wenn man wissen will, was das Grundproblem im Nah-Ost-Konflikt ist: in genau dieser affektierten Haltung kann man es finden.
- generell sieht sich Bushido als Opfer einer Medienkampagne. Die Welt soll gefaelligst verstehen, dass er wegen der persoenlichen Beziehung zu seinem palaestinensischen Kumpel Hassan manchmal emotional und unreflektiert reagiert. Auch hier sind wir mal wieder mitten im Kern des Nah-Ost-Problems.
- er versteht nicht, warum sich Deutschland mehr ueber ihn aufregt als ueber den israelischen Hardliner Avigdor Lieberman. Lieber Bushido, du bist Deutscher, wieviele Deutsche kennen Lieberman’s “Vom Bordstein bis zur Skyline”, wann hat Lieberman zum letzten Mal ein Buch “Auch ich bin Deutschland” veroeffentlicht? Israel wird in Deutschland und in der Welt haeufiger kritisiert als jeder andere Staat. Wenn ein Palaestinser an einem Checkpoint verpruegelt wird, dann steht das auf Spiegel ONLINE. Wenn Assad ein ganzes Lager von Palaestinensern plattmachen laesst, dann interessiert das keine Sau. Willst du ernsthaft Lieberman’s und Bennet’s anti-palaestinensischen Tiraden mit Ahmadinejad’s Vernichtungsdrohungen vergleichen? Also ein paar untergeordnete Minister mit einem Praesidenten?
- zur angeblichen Uebervorteilung Israels: http://www.youtube.com/watch?v=j7Mupoo1At8
- er empfindet in Deutschland eine “verkrampfte Judenfreundlichkeit”. Kollege, stell dir mal vor du bist Jude in Deutschland und weisst, dass 80% der Bevoelkerung in deiner Existenz ein Hindernis zu einem gesunden Nationalbewusstsein sehen. Ist dir eigentlich bewusst, dass man weder durch Neukoelln noch durch Hoyerswerda mit Kippa laufen kann? Nimm mal die von dir beschriebenen Probleme als “Schwarzkopf” und multipliziere das Ganze mal zwei. http://www.youtube.com/watch?v=ACjII7bfdJ0
- Der Evergreen: Die Juden haben aus dem Holocaust nichts gelernt, was man an der Brutalitaet Israels erkennen koenne. Im gleichen Buch beschreibt er die Gewaltaetigkeit unter manchen Migrantengruppen als logische Folge ihrer Biographie und der Gewalt, die sie u.a in der Familie kennengelernt haben. Aber Juden sollen nun durch Gewalt “gebessert” worden sein? Keule, kein Kommentar, denk bitte ueber diesen Punkt einfach nochmal 5 Minuten laenger nach. Die Lehren aus dem Holocaust waren in D. “Nie wieder Taeter” und in I. “Nie wieder Opfer”. Natuerlich muss sich das auf beiden Seiten ueber die Jahrzehnte wieder einpendeln, aber komm mal klar, wenn Israel in Bad Kissingen aufgewachsen waere, dann waere es auch ein bisschen gechillter als als Mini-Staat umgeben von Feinden.
- Judentrauma und mangelnder Nationalstolz: Hast du wirklich das Gefuehl, dass man den Deutschen taeglich die Schuld vorhaelt. Okay, es gibt die 2-3 Kranzniederlegungen im Bundestag pro Jahr und ab und zu kann man im Vollsuff in Berlin ueber einen Stolperstein stolpern, und ja, U-Boote kriegt Israel wohl guenstiger von D. als der Sudan, aber sei ehrlich und geh in dich, fuehre Tagebuch – wie oft begegnen dir Schuldvorwuerfe wirklich im Alltag? Verwechsle nicht dein Gefuehl mit der Realitaet. Gerade juedische Organisationen haben sich in der Sarrazin-Debatte solidarisch auch gerade mit den Muslimen gezeigt, also versuche nicht auf Kosten der Juden bei den Populisten zu punkten, das ist schwach. Wenn D. vom Judentrauma unten gehalten wird, warum es D. dann in Europa ganz oben? Die Wiedergutmachungsgelder Adenauer’s dienten einzig und allein der Westbindung D.’s und dem Bekenntnis zu einer neuen Zeit, das hatte nix mit kuschendem Gutmenschlertum zu tun, oder wie auch immer hater das nennen wuerden.
Fazit:
Bushido hat seine Zeilen wohl ernsthaft und mit gutem Willen verfasst, muss sich aber streckenweise den Vorwurf der Empathielosigkeit gefallen lassen.
In diesem Sinne, Gruss aus Jerusalem, Al Quds, Salaam Alechem und Shalom Aleykum, moege das beste Wort des Buches wahr werden, dass wenn das Zusammenleben irgendwo gut klappen kann, dann in Deutschland, oder wie es im Talmud geschrieben steht:

Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich, und bin ich nur für mich, was bin ich, und wenn nicht jetzt wann dann?

Sage nicht, wenn ich frei sein werde, werde ich lernen; vielleicht wirst du nicht frei werden.

Nicht liegt es an dir, das Werk zu vollenden, aber du bist auch nicht frei, von ihm abzulassen.