Viele Menschen haben den Eindruck, dass das Judentum eine Religion ist, die die Vergangenheit auf Kosten der Gegenwart und Zukunft überbewertet. Das Vorurteil sieht überall Tradition und Gesetzestreue. Da ist es nicht verwunderlich, dass viele spirituell-interessierte Juden auf der Suche die entscheidende Erfahrung – also die Erkenntnis der immerwährenden Gegenwart – eher in fernöstlichen Meditationen finden als in einem Gefilten Fisch.

Da ich immer versuche ehrlich und authentisch zu sein, werde ich jetzt nicht apologetisch erklären, dass man Erleuchtungen dieser Art in den heutigen jüdischen Gemeinden in Deutschland findet. Geht lieber zum Yoga als in eine Synagoge in Buxtehude! Trotzdem will ich heute mal kurz erläutern, warum gerade das Judentum es versteht den Moment zu heiligen oder zumindest es aktiv zu versuchen, und nicht nur ein zart-resignierendes „Oh Augenblick, verweile doch“ in die Atmosphäre flüstert. Vor ein paar Tagen endete Pessach, der achttägige Feiertag der Befreiung aus der Sklaverei. Aber dieses Freiheitsmotiv, die Essenz von Pessach, gilt nicht nur acht sondern 365 Tage 24/7. Das gesamte Judentum ist eine Künstlergruppe, die den Auszug aus Ägypten immerwährend nachstellt. Täglich ist das Gedenken an den Auszug Teil der Pflichtgebete und auch der Shabbat hat zwei Wurzeln – die Erschaffung der Welt UND den Auszug aus Ägypten. Wie ist dies zu verstehen? Man muss sich diese abstrakte Kunst als dreigeteilt vorstellen. Ereignis, Feiertag und die tägliche Implementierung. Also, erstens gibt es da den realen Auszug aus Ägypten (Atheisten, bitte bleibt mal kurz im Film auch wenn ihr nicht dran glaubt) als „geschichtliches“ Phänomen, das irgendwann einmal Gegenwart war. Also irgendwann ist es passiert und seitdem leben wir in einer Art „Everlasting Now“. Die zweite Ebene ist der Feiertag Pessach, an dem ganz gezielt noch einmal dieses Event gefeiert wird, also als eine Art Geburtstag des Augenblicks. Doch die dritte und entscheidende Ebene ist die spirituellste, die am besten durch die täglichen Rituale illustriert wird, sowie durch die Pflicht zu sagen (und glauben), dass nicht die Vorfahren, sondern MAN SELBST einst Sklave in Ägypten war und von Gott befreit wurde. Das praktizierte Judentum stellt den Exodus täglich nach. Jeden Tag muss der Mensch sich aufs Neue aus der Slaverei der trägen Materie befreien. Man könnte sagen, bis zur Erlösung der Welt durch den Messias, schieben die Juden so ein bisschen den Jack aus LOST in einem Loophole. Das ist die Essenz der Offenbarung, dass irgendwann einmal etwas passiert ist, was den normalen Gang gestoppt hat und ganz neue Spielregeln aufgestellt hat. Und die Gebote, die manchmal so hirnrissig erscheinen wie ein Kevin Kuranyi-Interview, sind ziemlich ähnlich der Zahlenkombination in LOST, die eingegeben wird, damit nicht alles aus den Rudern läuft.

Wie viele andere Lehren ist auch im Shaolin die Grundlehre das Verstehen des Augenblicks. Nur aus dem Augenblick kann die Kraft kommen, mit der Mann einen Schlag erahnt, bevor der Gegner ihn tätigt. Die Zukunft besteht aus Ängsten und Hoffnungen, die Vergangenheit aus schönen Erfahrungen und Wunden. Beide Zeitebenen machen unser „ich“ aus, können es aber auch schnell lähmen bzw. unser Verhalten durch Gewohnheiten manipulieren gemäß dem Ghandi zugeordnetem Zitat:

Watch your thoughts, they become words.
Watch your words, they become actions.
Watch your actions, they become habits.
Watch your habits, they become your character.
Watch your character, it becomes your destiny.

Mit Sicherheit ist es nicht ratsam, sich nicht um die Zukunft zu scheren. Der Mensch hat die einzigartige Fähigkeit zu reflektieren und dadurch überhaupt erst Vergangenheit und Zukunft zu erfinden. Das hätte die Evolution oder Gott nicht so eingerichtet, wenn es nicht zu etwas dienlich wäre. Aber um das Absurde zu schaffen, sich selbst an den eigenen Haaren aus dem Sumpf der Abstumpfung durch das Altern zu ziehen, sollten wir verstehen, das System für uns zu nutzen, in dem wir die zur Kenntnis genommenen Vergangenheit und Zukunft nur nutzen, um der immerwährenden, heiligen Gegenwart, dem König Augenblick, dem Everlasting Now zu dienen.