Vor gut zwei Wochen hat Channel 2-Anchorman Yair Lapid seinen Einstieg in die israelische Politik erklärt. Dies habe ich mal zum Anlaß genommen, eine Begebenheit aus dem Jahr 2009 herauszukramen, die bislang nur in einer mittlerweile untergegangenen österreichisch-israelischen Flughafenzeitschrift veröffentlicht war.
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Eigentlich sollte ich mich bei Donald Bostrom bedanken. Bostrom ist der schwedische Journalist, der vor ein paar Monaten einen tiefen Riss im israelisch-schwedischen Verhältnis verursacht hatte. In der Zeitung „Aftonbladet“ hatte er seinen berühmt berüchtigten Artikel veröffentlicht, in dem er die israelische Armee des Organraubs an Palästinensern beschuldigte. Ein Aufschrei ging durch die jüdische Welt, die sich an die finstersten antisemitischen Verschwörungstheorien und Ritualmordlegenden erinnert fühlte.
Jetzt fragen Sie sich wahrscheinlich, warum ich mich denn bei so einem Menschen bedanken sollte, richtig? Wenn Bostrom seinen Artikel nicht veröffentlicht hätte, dann wäre ich als europäischer Journalist wohl nie vom israelischen Fernsehjournalisten Yair Lapid zu einer Gesprächsrunde in Tel Aviv über Antisemitismus in Schweden und Europa mit viel Vodka und orientalischen Süßspeisen eingeladen worden. Lapid ist der Sohn des verstorbenen Politikers und Shinui-Gründers Tomy Lapid und der Autorin Shulamit Lapid. Er selbst ist als Journalist, Schriftsteller und Moderator eine der schillerndsten Figuren innerhalb der israelischen Medienwelt. Da ich kein Hebräisch spreche und noch nie seine Talk Show auf Arutz 2 gesehen habe, wusste ich nicht so recht was mich an diesem Abend erwarten würde. Ich war Teil einer Gruppe von hauptsächlich nicht-jüdischen schwedischen Journalisten. Es war der Abend eines langen Tages, wir waren tagsüber in Sderot gewesen und waren alle schon etwas müde und daher sehr dankbar, dass das Treffen mit Lapid eher locker war und wir uns alle erstmal zwei, drei Drinks gönnen durften, bevor die Gesprächsrunde begann.
In Lapid´s Augen ist Bostrom ein Antisemit, der nicht weiß, dass er ein Antisemit ist und zwar, weil er diese Geschichte mit dem Organraub, die er offenbar von Lügnern erzählt bekam und als angeblich neutraler Journalist nur weitererzählte, überhaupt für möglich hält. Wie kommt es, fragt sich Lapid, dass ein schwedischer Journalist im 21.Jahrhundert den jüdischen Staat, die einzige Demokratie im Nahen Osten, zu so einer Barbarei fähig hält? Bostrom verstehe einfach nicht, wie die Presse in Zeiten des Krieges als Propagandawaffe mißbraucht wird. Das besonders perfide an dieser Lüge sei, dass sie einfachen Palästinersern aus einem ganz anderen Grund glaubwürdig erscheinen kann. Und zwar sende Israel, um internationalen Druck zu vermeiden, jeden durch IDF-Feuer getöteten Soldaten zu einer Obduktion. Es sei Teil der demokratischen Kultur und Wahrheitssuche. Wenn nun die Angehörigen die Körper zur Bestattung erhalten, seien logischerweise Nähte und Markierungen auf den Körpern sichtbar. Wenn nun ein Journalist aus dem weit entfernten Schweden der Welt solch eine Geschichte erzähle, gieße er laut Lapid Öl ins Feuer des Konflikt und heize das Mißtrauen der Palästinenser gegenüber Israel weiter an. Die gutwillige israelische Maßnahme der Obduktion werde bösartig ins Gegenteil verdreht.


Meine schwedischen Kollegen waren weit davon entfernt Bostrom und seinen sensationshaschenden journalistischen Stil zu verteidigen, aber sie wollten unter keinen Umständen Schweden generell des Antisemitismus bezichtigt sehen. Durch Bostrom´s Übertreibungen sei verdeckt worden, dass es in den 90ern in der Tat kurze Zeit die Praxis der Organentnahme von Leichen gab, wie die israelische Armee kürzlich bestätigte. Diese Praxis sei aber sehr bald wieder eingestellt worden und war weit davon entfernt ein geplanter „Organraub“ zu sein.
Schweden sei nicht nur kein antisemitisches sondern auch kein anti-israelisches Land. Im Gegenteil, Israel sei bis zu den 70er Jahren eine schwedische Leidenschaft und der junge jüdische Staat ein Lieblingskind gewesen. Schweden sei sehr liberal und grundsätzlich um Menschenrechte besorgt. Und so kamen wir dann auf den Nahost-Konflikt zu sprechen. Für Lapid und seine israelischen Gäste waren die 90er Jahre voller Hoffnungen gewesen, die in Camp David 2000 von Arafat bitter enttäuscht wurden. Es gebe seitdem keinen wirklichen Partner für Frieden auf der palästinensischen Seite, während die große Mehrheit in Israel reif für den Frieden sei. Aber was solle man machen, wenn jeder Rückzug, wie der aus Gaza 2005, nur mit noch mehr Raketen auf israelische Zivilisten beantwortet werde. Ich hatte bereits ein paar Vodkas zuviel getrunken und nach meinem eigenen Gefühl auch schon viel zu viel geredet und so begab ich mich, bevor die schwedische Antwort zum Friedensprozess kam, auf die Veranda um eine Zigarette zu rauchen. Tel Aviv im Dezember, einfach herrlich.