Cannabis ist eine hinterhältige Droge. Matthew Miller alias Matisyahu über Glauben, Spiritualität und das Judentum in der Popmusik

Matthew, was ist das für ein Gefühl für dich, als Musiker jüdischen Glaubens nach Deutschland zu kommen?

Matisyahu: Ich habe gemischte Gefühle. Nach Deutschland zu kommen, ist für mich eine sehr intensive, emotionale Erfahrung, ein mächtiges Gefühl. Es ist das Gefühl, 60 Jahre nach dem, was passiert ist, hier zu sein, jüdisch zu sein und es nicht verstecken zu müssen. Wir machen Musik, singen Lieder über Gott und Deutsche kommen und hören es sich an. Dass sich Leute hier dafür interessieren, zeigt, dass wir in kurzer Zeit einen weiten Weg zurückgelegt haben. Wir Juden glauben ja, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt der Messias kommen wird. In jenem Zeitalter werden die Waffen in Stücke geschlagen und es wird weder Krieg noch Morden geben und jeder wird erkennen, dass wir alle der gleichen Quelle entspringen, vom gleichen Ort kommen. Ein Anzeichen für dieses Zeitalter ist es, wenn sich die Dinge wie jetzt, in solch kurzer Zeit, so rasant ändern.

Wo wir gerade über den Messias sprechen: Rabbi Schneerson, der siebte und letzte Rebbe der so genannten „Lubawitsch Dynastie“ starb 1994 und manche haben in ihm den Messias gesehen. Du wurdest 1979 geboren und stammst aus dem Herzen dieser religiösen Bewegung in Crown Heights, New York. Hast du Schneerson je gesehen, glaubst du auch, dass er der Messias war?

Matisyahu: Ich bin in White Plains, New York geboren und bin erst zu Chabad Lubawitsch gestoßen als der Rebbe schon nicht mehr unter uns weilte. Ich habe ihn also nie getroffen, meine Frau hat ihn aber einmal gesehen, als sie acht Jahre alt war. Physisch hat er auf jeden Fall aufgehört zu existieren und ich glaube nicht, dass es wichtig ist, ob er DER Messias war, weil es viele Gerechte gab, die starben und mögliche Erlöser ihrer Generation waren. In unserer Generation gibt es nach meinem Eindruck nicht sehr viele Gerechte und Erhabene. Der Rebbe war einer der letzten Menschen auf so einem Level und möglicherweise war er der Messias seiner Generation.

Dein hebräischer Name „Matisyahu“ geht auf den Priester Mattathias zurück, der im 2. Jahrhundert v. Chr. den Auftstand der Makkabäer gegen die Helenisten anführte. Was hältst du von dem Bild der heutigen Israelis als die neuen Makkabäer?

Matisyahu: Ich finde es gut und wichtig für das jüdische Volk, ein eigenes Land zu haben. Wenn du nach Israel gehst, spürst du auch die Besonderheit als Jude unter Juden zu sein. Normalerweise sind Juden ja eine Minderheit unter einer nichtjüdischen Mehrheit. In Israel spürst du, dass alle um dich herum jüdisch sind und dass dieser Ort eine mächtige Geschichte hat und dich in jeder Hinsicht spirituell berührt.

Gab es einen bestimmten Augenblick, der aus Matthew Miller „Matisyahu“ machte oder war das ein längerer Prozeß? Matisyahu: Das war ein längerer Prozeß und der begann als ich 16 war und nach Israel ging. Ich spürte plötzlich eine starke innere Verbindung zu meinem Judentum und ging ab dann auf eine spirituelle Suche bis ich 21 wurde. In dem Alter fing ich an mit einem hebräischen Gebetbuch zu beten und mit diesem Buch habe ich das Judentum erst richtig kennengelernt. Ich verbinde das alles aber nicht mit einem einzigen, bestimmten Moment. Allerdings gab es einen Augenblick im College, als ich beten wollte und dachte, ich müsste mich dafür verstecken und es niemandem erzählen, weil meine Freunde es vielleicht merkwürdig gefunden hätten. Aber ich hab’s dann doch gemacht und es hat mir im Endeffekt die Welt eröffnet.

Mein Blick trifft immer wieder das kleine Baby auf deinem Arm, deinen Sohn Levi. In wiefern hat das Vaterwerden dich verändert ? Es heißt ja, man könne durch die Augen eines kleinen Kindes Gottes Herrlichkeit schauen…

Matisyahu: So ist es auf jeden Fall. Ein Kind zu haben lehrt dich, das Leben wertzuschätzen und die Fähigkeit, Leben zu erschaffen. Ich will auf die verschiedensten Weisen Leben erschaffen, durch Musik, durch Religion, alles sollte schöpferisch wirken und nicht das Gegenteil davon sein, tot.

Nun ist auch in Deutschland dein zweites Studio-Album „Youth“ erschienen. Welche Entwicklung siehst du gegenüber deinem Debüt „Shake Off The Dust…Arise“?

Matisyahu: Es gibt in vielerlei Hinsicht Gemeinsamkeiten, aber auch große Unterschiede. Mein erstes Album war ein klassisches Reggae-Album, während wir diesmal als Band mehr darauf geachtet haben, dem Ganzen unsere eigene, besondere Note zu geben. Wir reflektieren noch mehr, wer wir sind und was wir wollen. Ausserdem wirst du merken, dass jeder Track seinen eigenen Sound hat.

Das Intro zu deinem Song „Got No Water“ ist der Psalm 63 über den Wunsch nach Wasser. Was heißt in diesem Kontext Wasser für dich? Inspiration?

Matisyahu: Dieser Psalm ist einer von denen die der Lubawitscher Rebbe oft in den Versammlungen gesungen hat. Ich habe ihn stets als sehr mächtig, sehr bewegend empfunden. Wasser ist eine Metapher, unter der man sich vieles vorstellen kann, jeder kennt dieses Gefühl des Durstes, sei es körperlich oder seelisch. Im Judentum kann Wasser für die Tora, den Geist und Weisheit stehen. Tora ist spirituelle Weisheit, wie könnte ich ohne sie überleben?

Was deine Ernährung anbelangt, lebst du auf Tour 100% koscher?

Matisyahu: Ja. Hier in Berlin beziehe ich mein Essen vom Restaurant „Gabriels“ und ich hoffe, dass die sehr koscher sind.

Wenn man an Reggae denkt, assoziert man damit oft kiffende Rastafaris, für die Cannabis eine göttliche Pflanze ist. Du hingegen singst zu Reggae-Rhythmen Texte wie „Don´t want no sensimilia, can only bring me down, burn away my brain” – gibt es kein koscheres Gras?

Matisyahu: Ich glaube, dass Cannabis eine sehr hinterhältige und gefährliche Droge ist, gerade weil sie einen nicht unbedingt sofort zerstört, sondern am Anfang sehr harmlos erscheint. Ich kenne Leute die seit 20 Jahren kiffen und wirklich Sklaven dieser Substanz wurden, das ist ihr Pharao, ihr Ägypten. In dem Lied „King Without A Crown“ geht es darum, die Inspiration aus sich selbst heraus zu gewinnen und sich nicht von externen Substanzen versklaven zu lassen. Meiner Meinung nach setze ich so konsequent den jüdischen Glauben um.

Du trittst auf Konzerten gemeinsam mit Rastafaris und Musikern anderer Glaubensrichtungen wie dem muslimischen Beatboxer Kenny Muhammad auf. Geht das immer gut?

Matisyahu: Eigentlich schon. Ich habe noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Die anderen respektieren mich und das wofür ich stehe und ich respektiere sie auch. Wir, die jüdische Glaubensrichtung zu der ich gehöre, glauben, dass auf eine spirituelle Art und Weise wir aus der göttlichen Welt stammen und die Seele dann in diese physische Welt der Dunkelheit gebracht wurde. Die Rastafaris glauben, sie wurden aus ihrer Heimat ins Exil entführt und wir Juden glauben das gleiche, nur das wir von Jerusalem aus in Exil flüchteten.

Die jüdische Kultur kommt in der Popmusik selten zum Vorschein, nur Madonna macht inzwischen kräftig Werbung für die Kabbala-Zentren und plötzlich sehen wir das „Material Girl“ über die Zerstörung des Egos, reden. Hältst du das für eine gute Sache oder meinst du, dass da die heiligen Buchstaben für eine sehr flache Version dessen missbraucht werden, was die Kabbala wirklich ist?

Matisyahu: Nun, ich kenne nur die ganz alten Sachen von Madonna. Aber falls das „Material Girl“ tatsächlich über „Bittul hajesh“ singt, dann ist das sicher das Zeichen für das Nahen des Messias, wenn sie es ernst meint und bescheiden wird. Viele Leute gehen diesen Weg: sie fangen an als fehlgeleitete Teenager in einer materialistischen und sinnlosen Welt und wenn sie älter werden, merken sie, dass ihre Seelen nach etwas anderem, nach Wahrheit lechzen. Dass Madonna einen Weg zu einer Spielart des Judentums gefunden hat, könnte bedeuten, sie erkennt die Wahrheit dahinter und sie gefällt ihr. Ob die Kabbala-Zentren generell eine gute Sache sind, weiss ich nicht. Ich würde selbst jetzt keine Werbung dafür machen, ich weiss nicht wie rein deren Lehre ist.

In der amerikanischen Late-Night-Show von Jimmy Kimmel wurdest du gefragt, ob du diese ganze Sache mit Reggae und Tora wirklich ernst meinst. Verletzt dich so etwas?

Matisyahu: Naja, in der Show bin ich hauptsächlich Sachen gefragt worden wie „Würdest du den Schabbat brechen?“ und „Wie hast du deinen Bart so lang gekriegt?“ und ich hatte das Gefühl, dass mir Gott in dieser Show sehr geholfen hat und mir genau die richtigen Antworten gab. Die Leute waren alle sehr stolz auf meinen Auftritt und im Endeffekt hat er viel mehr gebracht für meine Sache, als dass mich das verletzt hätte.

Haben dir Juden bezüglich dem, was du machst, schon mal Vorwürfe gemacht, du würdest ein Spektakel veranstalten?

Matisyahu: Manchmal ja. Aber meistens erhalte ich eine grosse Unterstützung und viele fühlen sich durch mich inspiriert.

Interview: Martin Schubert auf Planet-Interview